COLUMBOstory: Flotte Kurzhaarfrisur

Columbo bleibt demonstrativ vor dem Schaufenster, in dem das übergroße Plakat hängt, stehen. Er wedelt mit der Rute und schaut mich erwartungsvoll an: „Frauchen, capice?“ Ich glotze auf die Fotografie, die einen gutaussehenden blonden Kerl mit hundetreuen braunen Augen zeigt – irgendwie hat er auffallend viel Ähnlichkeit mit … Die ausgeprägte Nase, das verschmitzte Lächeln, ja sogar die hellen Wimpernkränze! Ok, ok, ich habe verstanden. Ich lese weiter: „Herrlich leicht und luftig, dabei stadtschick – summer in the city!“ Tja, summer in the city haben wir; das ist bei über 30 Grad Celsius nicht zu leugnen, auch wenn ich das Wort „stadtschick“ mehr als kurios finde. Aber meine Animositäten tun hier nichts zur Sache; Columbos Wohlbefinden steht jetzt im Vordergrund. Meinem Hechel-Hund macht die warme Witterung mindestens genauso zu schaffen wie uns Zweibeinern. Und dabei kann der Ärmste nicht einmal wirklich schwitzen. Jeden Tag schwimmen zu gehen, hilft zwar, aber sobald sein Fell wieder trocken ist, leidet er „tierisch“ unter seinem dicken, dichten, langen Haarkleid. Also heißt es wie bei den Promifrauen nach der Scheidung: Runter damit! Mein Goldi neben mir hat inzwischen realisiert, dass seine subtile Botschaft nach einer Ganzkörperrasur an gekommen ist. Seine Freude ist groß, sein Dickkopf dieses Vorhaben sofort, also hier und jetzt auf der Stelle in die Tat umzusetzen, noch größer. Er beginnt einen Stehstreik direkt vor dem Geschäft, in dessen Auslage ja bereits die Abbildung seines kurzgeschorenen menschlichen Pendants hängt. Zu keinem weiteren Schritt ist er zu bewegen.
Ich pfeife, bitte, bettle, bete, trickse, schimpfe, ziehe ein wenig – mittel – mit aller Kraft … nichts! Kinder zeigen auf mich und den „armen Hund“. Schweiß benetzt meine Schläfen. Ich zögere kurz, atme dann tief durch: „Tu es“, denke ich entschlossen. Es geht nicht anders. Es ist zwar mehr als verrückt, aber die einzige Möglichkeit – ganz gleich was die Passanten von dir denken mögen. Ich beuge tief zu Columbos Kopf hinunter; es soll wenigstens schnell gehen. Ich hole aus … erkläre ihm in knappen heiseren Worten, warum er jetzt mitkommen muss. Reden Sie niemals mit ihrem Hund – es sei denn, Sie wollen die Nervenheilanstalt mal von innen besichtigen … Natürlich hält sich kein Mensch daran. „Lieber Columbo, wir können nicht in diesen Laden gehen und dein Fell stutzen lassen, weil das ein Herrenfrisör ist – für menschliche Herren, comprende? Also, wenn du deine Wolle loswerden willst, müssen wir jetzt zu einem Hundefrisör gehen, bei dem es übrigens auch prima Hundedamen(gerüche) gibt. Mein liebster Mitbewohner blinzelt zweimal fragend zu mir hoch, dann setzt er sich umgehend in Bewegung und trabt Richtung Innenstadt voran. Aha, na geht doch!
Und dann ist es soweit. Wir biegen in den Hof der stadtbekannten Hundefriseurin ein. Columbo muss warten, was ihn irritiert, locken doch von innen spannendste Geräusche und Gerüche. Doch kaum sitze ich auf der gemütlichen Holzbank vor dem Geschäft, gibt er seine Hab-acht-Stellung auf und beginnt seelenruhig seine Umgebung zu inspizieren. Die Sommerhitze sitzt noch in den großen Pflastersteinen; üppige Pflanzen in dickbauchigen Blumenkübeln verströmen ihren süßen Duft. Ein Sommerabend wie aus dem Bilderbuche. Fröhlich hechelt mein liebster Langhaarkumpel rüber  zum gegenüberliegenden Eingang – und ist plötzlich verschwunden. Ich drehe den Kopf und suche blitzschnell das kleine Hofgelände ab: Nichts. Mehr verwundert als beunruhigt stehe ich auf. Nach einer kurzen Runde habe ich ihn gefunden, seine wuschelige Rute ragt verräterisch aus einem Kellereingang hervor. Dort auf den schattigen Stufen ist es angenehm kühl und aufregend schmutzig, findet der Räuber mit Spinnweben im Gesicht. Nun aber raus da; wir sind gleich dran. „Achtung! Wir kommen“, tönt es auch schon aus dem halb geöffneten Fenster des Friseurladens. Ui, wenn das Frauchen vorwarnen muss, dann ist das wohl ein großer gefährlicher Hund, der jetzt gleich die  Bühne des Alltags betritt. Respektvoll halten Columbo und ich Abstand …

Lärm macht der ja für zwei. Heraus kommt ein wahnsinnig gefährlicher …. Zwergpudel ! Ich könnte schwören, Columbo hat gelacht. Aber nicht lange, denn nun ist er dran. Zuerst hüpft er neugierig ins Refugium der Hundeschönheit, reckt die Nase in die Luft, schubbert sich an den verheißungsvoll aufgereihten Massagebürsten und sondiert das Terrain: Mit einem kräftigen Schlag seiner Rute fegt er die Zeitschriften vom niedrigen Tischchen, inspiziert die Kissen, setzt tastend eine Pfote in den winzigen Korb, der damit schon beinahe ausgefüllt ist und ignoriert die Frau mit der Schere komplett. Als er aber mit vereinten Kräften auf das Podest gehoben wird, schaut er doof. Ups, da kommt doch gleich die Tierarztphobie durch … Er bleibt ruhig stehen, sieht sich nur verunsichert um und schnauft zweimal vernehmlich. Dann fügt er sich in das Unvermeidliche. Schon bald fliegen und wuscheln überall seine hellen langen Haare durch den kleinen Raum. Nichts scheint mehr wie vorher. Hechelnd vor Hitze, bemerkt er kaum, wie sein Rückenfell immer kürzer wird und sein Atem immer schneller. Er wird es mir danken, nachher – ohne ein Kilo Rück- und Seitenwolle wird ihm wesentlich wohler sein. Doch noch sieht man ihm den Unwillen vor dieser Schneidemaschine an. Vor allem, als es ans Eingemachte geht. Die Friseurin beruhigt ihn und sagt, während sie vorsichtig aber schnell in seinem Intimbereich herumsäbelt: „keine Angst, ich lass alles dran. Kannst nachher nachzählen.“ Ich grinse und versuche nicht so gemein zu sein …
Während das mitteilungsbedürftige Fräulein noch an meinem Haustier, das nunmehr immer mehr einem verwaschenen Kuscheltier gleicht, herumschnippelt, schwitzt meine linke Körperhälfte mit der rechten um die Wette. „… und dann fusselt er kaum noch“, gibt gerade die Friseurin mit dem großen Wortschatz zum besten. Hm, fusseln tat bislang eigentlich nur mein alter Mantel, aber ich habe keine Lust ihr zu widersprechen und nicke nur. Columbos verschreckte Steifheit hat sich in eine schlappe Lethargie verwandelt; er hängt nun, kurz vor Vollendung des Gesamtkunstwerkes „nackter Hund“ ganz schön in den sprichwörtlichen Seilen: Er lässt die Augen tief hängen, die Lefzen schwingen locker hin- und her, der Rücken scheint durchzuhängen. Kaum hebt er die Pfoten, als auch dort einige überstehende Härchen gekürzt werden müssen - nach dem Motto „Macht doch mit mir armem Hund, was ihr wollt. Ich habe ja eh nichts zu sagen. Ist doch auch alles egal …“ Sein Blick könnte Wände zum Einstürzen bringen. Das hat er echt drauf. Sofort fühle ich mich schuldig, den nicht mehr ganz jungen Herren dieser Prozedur ausgesetzt zu haben, revidiere aber meine Meinung sofort, als ich Folgendenes beobachte: Kaum ist der letzte Schnitt gemacht, das letzte Fellbüschel hinuntergefegt, erwacht mein Hundeprinz schlagartig zu neuem Leben. Er streckt und reckt sich, schüttelt und rüttelt, wirft einen letzten skeptischen Blick auf die Frau mit den Haarpflegeutensilien; dann springt er flott vom Tisch und belästigt eine kuschelwuschelweiche Stuhlauflage. Aha, wieder ganz der Alte. Er hat es also überlebt. Und scheinbar ohne bleibende Schäden überstanden. Vor der Tür richtet er sich in seiner neu gewonnen felllosen Bewegungsfreiheit ein und genießt das veränderte Körpergefühl sichtlich, während ich genauso schwitzend wie vor eineinhalb Stunden am anderen Ende der Leine nach Hause hechle.

Seine kurze Sommerfrisur steht ihm wirklich ausgesprochen gut. Ich fasse mir in den feuchten Nacken und überlege, ob ich nicht auch mal …

(Columbos Streiche und Frauchens Bücher: www.angenehme-vorstellung.de)

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